Nebliger Morgen vor dem Kölner Dom, 1944
Season III · Intro · Ende Oktober 1944

Köln, Oktober 1944

Domina Alba · Der Bunker · Die Trümmer · Die Helioswerke · Der Dom · Morgengrauen

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„Vergesst uns nicht."Stimme aus dem Ofen der Helioswerke

Drei Menschen in einer Nacht

Spatz
SpatzLuftwaffenhelferin auf Urlaub · 17

Will den Krieg überleben, ohne vor irgendwem zu kuschen. Und einmal nicht wegsehen.

Schäng
SchängBergungsdienst der Luftschutzpolizei · 42

Will seine Leute lebend durch den Krieg bringen und die Toten ordentlich begraben. Seinen richtigen Vornamen sagt er niemandem.

Dr. Sybille Krämer
Dr. Sybille KrämerÄrztin im Dienst der SS · Helioswerke

Will die Grenze zwischen Leben und Tod vermessen, bevor die Front Köln erreicht.

Der Hochbunker in der Körnerstraße
I

Der Bunker

Hochbunker Körnerstraße, Ehrenfeld · etwa 20 Uhr

Die Sirene heult über den Dächern. Menschen strömen aus den Seitenstraßen zum Bunker. Spatz, Schäng und Sybille erreichen den Eingang fast gleichzeitig, aus verschiedenen Richtungen.

Schäng erkennt Spatz sofort. Er war mit ihrem Vater befreundet und kennt sie seit ihrer Kindheit. Auch Sybille erkennt Spatz wieder; sie war mit ihrer Mutter in der Schule befreundet. Und Schäng und Sybille sind sich darüber auch schon über den Weg gelaufen.

Am Bunkereingang staut sich die Menge. Ein Mann steht in der Tür und weist die Ankommenden weiter. Neben der Mauer wartet ein einzelnes Mädchen. Ihr Mantel ist abgetragen, an ihrer Brust sitzt ein gelber Stern. Sie hält ein kleines Bündel fest an sich gedrückt.

Esther sieht zur Tür, dann zum Bunkerwart. Sie fragt nicht, ob noch Platz ist. Sie weiß die Antwort schon.

Esther
Das Mädchen mit dem Stern · Aus dem Nachbarhaus

Sybille kennt sie als das Mischlingskind von nebenan. Auch Esthers Vater ist ihr vertraut: der Mann, der ihr früher den Hof gemacht hat, als das Wort Jude nur ein Schimpfwort war und noch kein Urteil. In einer anderen Welt hätte Esther ihre Tochter sein können.

„Ich brauche keinen ganzen Platz. Nur bis der Alarm vorbei ist."

Plütz
Bunkerwart · Spricht laut genug, dass die Wartenden es hören

„Du weißt, dass du hier nichts zu suchen hast. Geh weiter."

Drinnen ist der Bunker überfüllt. Zwischen den Bänken riecht es nach nasser Wolle, Kohle und Angst. Jemand hustet in ein Taschentuch. Ein Kind zählt die Sekunden zwischen den Einschlägen.

Eine Frau mit Brille sitzt abseits und liest bei einer kleinen Lampe in einem Buch. Als Esther an ihr vorbeigeht, hebt sie für einen Moment den Blick. Sie sagt nichts, aber sie rückt ihre Tasche vom freien Platz neben sich.

Als die Entwarnung kommt, sind die Menschen erleichtert, aber niemand lächelt. Der Krieg hat nur aufgehört, genau hier einzuschlagen. Weiter hinten in der Straße ist ein Haus eingestürzt.

Das eingestürzte Haus in Ehrenfeld
II

Die Trümmer

Eingestürztes Haus in Ehrenfeld · etwa 22 Uhr

Das Haus ist nicht vollständig eingestürzt. Es ist zur Seite gesackt, als hätte jemand ihm die Knie weggetreten. Ein Fensterrahmen hängt schief über der Straße. Aus dem Keller kommt ein Geräusch, das vielleicht ein Mensch ist.

Nachbarn rennen zu den Trümmern und rufen Namen. Schreie. Hilfe. Entsetzen. Aber niemand ruft laut genug, um etwas zu ändern. Die Feuerwehr ist zu hören. Fritz und der alte Kowalski, Schängs Bergungstrupp, schlagen ihm im Rausgehen auf den Rücken: Arbeit. Komm. Los.

Esther sieht Spatz an. „Ich bin gleich wieder da. Ich muss nachsehen." Dann rennt sie los, hinter das Haus.

Zwischen den Toten, die Schängs Trupp aus dem Schutt holt, sind Menschen, die Esther kennt.

Carl
Ende zwanzig · Ordentlich gekleidet, höflich · Sonderkommission

Ein Wagen hält an der Absperrung. „Guten Abend. Einige aus der Steinbrück-Bande sollen sich hier verkrochen haben. Wenn sie heute hier waren, möchte ich das gern wissen."

Zu Spatz, fast vertraulich: „Du kennst dich hier aus, stimmt's, Mädchen? Ich will niemandem Schwierigkeiten machen, wenn es nicht nötig ist. Aber du wärst genau im richtigen Alter, um auch Teil der Bande zu sein … Volksverräter."

„Hast du mir nicht etwas zu sagen?" Carl fasst nach deinem Arm. Für einen Moment steht ihr so nah beieinander, dass du seinen Atem riechst, sauberer als der Rest der Straße.

Dann blitzt etwas auf: eine Kante, ein Ring oder das Metall an seiner Manschette. Der Schnitt ist nicht tief. Das Blut schon. Carl lässt deinen Arm los, betrachtet die Spur, die er hinterlassen hat, und lächelt.

„Das war ungeschickt", sagt er. „Von uns beiden. Ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen. Nicht zwingend morgen … aber bevor das hier vorbei ist, werden wir alle Verräter ausgemerzt haben."

„Ich bin außerdem auf der Suche nach einem kleinen Judenmädchen, das hier gewohnt hat. Hast du sie gesehen?"

Erst als Carl weg ist, kommt Esther zurück. Weinend, verzweifelt. Sie sind alle tot.

Ein Polizist weist euch an, die Toten in die Helioswerke zu bringen. Der Lastwagen fährt an, als die Straße wieder dunkel wird. Zwischen den Häusern hängt der Geruch von Staub und nassem Stein. Esther sitzt nicht bei den Toten, aber sie sieht ihnen nach.

„Meine Mutter hat gesagt, ich soll nicht allein zum Dom", sagt sie. „Aber da wartet jemand, der Leute rausbringt."

Die zerstörten Helioswerke
III

Die Helioswerke

Helioswerke, Ehrenfeld · um Mitternacht

Sybille ist für die medizinische Abteilung verantwortlich und muss nachsehen, ob das Lager getroffen wurde. Ersatzarbeitskräfte sind im Herbst 1944 nicht mehr so leicht zu beschaffen wie in den Jahren zuvor.

Über dem Gelände hängt eine graue Wolke aus Staub und Rauch. Flammen flackern hinter den zerborstenen Fenstern der Hallen; dazwischen zucken Suchscheinwerfer über den Hof. Der Boden ist mit Ziegeln, Glas und verbogenen Metallteilen übersät.

Dort, wo das Lager stand, ist kaum noch eine Baracke ganz geblieben. Der Zaun liegt in mehreren Teilen am Boden. Aus der Tiefe des Geländes kommt ein unregelmäßiges Klopfen, das im Lärm der Sirenen immer wieder untergeht.

Am Rand des Lagers führt eine freigelegte Treppe in den Keller. Unten steht ein Industrieofen, halb von herabgestürztem Mauerwerk eingerahmt; über seiner schwarzen Öffnung flimmert die Luft.

Der Rauch zieht nicht nach oben. Er zieht zum Ofen.

Zwischen den schwarzen Steinen erscheinen Gesichter. Hände im Rauch, Gesichter im Ruß, ein Blick hinter einer zugemauerten Öffnung. Sie sprechen nicht alle gleichzeitig. Einer hebt die Hand und zeigt auf die Tür des Ofens. Ein anderer schüttelt den Kopf.

Dann hörst du eine Stimme, ganz nah: „Vergesst uns nicht."

Die Geister wollen nicht, dass jemand den Ofen zerstört. Sie wollen, dass jemand bezeugt, was hier geschehen ist.

Carls Büro

Neben dem Hof liegt ein provisorisches Büro. Die Tür steht offen. Ein SS-Offizier hat hier alles durchwühlt: Aktenkisten aufgerissen, Papiere auf dem Boden verteilt, die Schreibmaschine zur Seite geschoben. Zwischen den Blättern findet Spatz einen Brief. Er ist an einen Jakob adressiert, in derselben Straße, in der Esther gewohnt hat. Ein Brief an Esthers Vater.

9. November 1938

Ich habe Ihre Familie im Keller hinter unserem Haus versteckt. Bleiben Sie in Ihrem Haus, bis die Suche vorüber ist. Ich werde niemandem sagen, dass sie bei uns sind. Sobald ich kann, bringe ich Ihnen Ihre Frau und Tochter zurück, und bis dahin kein Wort.

CZ

Jemand hat Esthers Mutter und Esther damals versteckt. Dieser Brief hätte nie hier landen dürfen. Spatz nimmt ihn an sich.

Esther erzählt

„Sie hat gesagt: Wenn ich es bis zum Dom schaffe, soll ich nach der weißen Frau fragen. Sie kennt Wege, die nicht auf Karten stehen."

Esther presst die Hände ineinander.

„Meine Mutter hat gesagt, die weiße Frau hilft Leuten. Ihr wurde selbst von jemandem geholfen, eine lange Zeit unterzutauchen, und wir wurden von ihm versteckt, als ich noch klein war. Ich kann mich nur an einen warmen Keller erinnern, und dass wir nichts zum Anziehen hatten und unsere Sachen abgeben mussten, weil sie dreckig waren … Mich musste er mehrmals am Tag untersuchen. Das war wirklich nicht schön, aber Mama hat gesagt, das müsse sein, damit wir nicht krank werden."

„Aber ich muss zum Dom. Ich muss zumindest schauen, ob es die Frau gibt. Ich habe doch jetzt niemanden mehr."

Der Dom in der zerstörten Altstadt
IV

Der Dom

Domplatte · etwa 2 Uhr

Die Altstadt gibt es nicht mehr. Es gibt Straßen, die so tun, als führten sie noch irgendwohin, und Mauern, die stehen, weil niemand ihnen gesagt hat, dass sie fallen dürfen.

Dann ist da der Dom.

Die Fenster sind ausgebaut und vermauert. Sandsäcke liegen an den Portalen, im Querhaus klafft ein dunkles Loch. Um ihn herum ist die halbe Stadt in die Knie gegangen. Der Dom steht da, als warte er auf jemanden, oder als warte jemand auf etwas.

Auf der Domplatte stehen mehrere Gestalten, vielleicht ein Dutzend, in den Schatten verteilt. Der Mann trägt einen dunklen Mantel und bewegt sich, als gehöre ihm der Platz. Die Frau trägt weiße Handschuhe. Neben ihr steht der Mann von vorhin, und sie scheinen schon länger im Gespräch.

Aus der Deckung hört die Gruppe zu.

Sie: „Ich kann dir Wege geben. Boten. Verstecke. Körper, wenn du sie brauchst. Menschen, die verschwinden, ohne dass jemand eine Spur findet. Veränderung und Gestaltung in jeglicher Form."

Er: „Menschen, die verschwinden, sind aktuell nicht das Problem. Was willst du für deine Unterstützung?"

Sie: „Dass die weiße Kante unangetastet bleibt. Die Balance bleibt bewahrt, und du wirst nicht versuchen, meinen Grund und Boden anzutasten und meine Kreationen zu verändern. Ich habe Großes vor."

Er: „Aachen bleibt stabil, und Köln bleibt umkämpft, damit sie sich weiter mit sich selbst beschäftigen und uns in Ruhe lassen. Gut. Aber mir gefällt es hier nicht … etwas zieht und schreit, wenn ich mich dieser verdammten Kirche nähere. Irgendwann werde ich herausfinden, ob es wahr ist."

Sie: „Ob was wahr ist?"

Er: „Nichts, was für dich von Belang ist, meine Liebe."

Sie: „Gut. Dann gilt es?"

Er blickt noch einmal zum Dom.

Er: „Es gilt. Das war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass die Kirche geschützt wird, von welcher Kraft auch immer."

Dann drehen sich alle zur Gruppe um und winken sie heran. Wie auch immer sie sie gesehen haben.

Die Frau mit den weißen Handschuhen: „Das Mädchen kommt mit uns."

Einer ihrer Begleiter tritt zu Esther. Carl beobachtet das Mädchen, aber sein Gesicht zeigt weder Überraschung noch Erleichterung.

„Du bist jetzt in Sicherheit."

Esther sieht zur Gruppe, und warum auch immer: Sie sieht erleichtert aus. Jemand nimmt sie an die Hand, und die Entourage macht sich auf den Weg.

Als die Gestalten aus den Schatten abziehen, bist du für einen Moment irritiert. Du glaubst, deinen Vater erkannt zu haben, oder jemanden, der ihm sehr ähnlich sieht. Deinen Vater, der im Krieg gefallen ist. Aber bevor du den Gedanken weiterverfolgen kannst, ist er weg. Wie ausgelöscht.

V

Morgengrauen

Ehrenfeld, Hüttenstraße · Morgengrauen, 25. Oktober 1944

Der Morgen kommt grau und ohne Wärme.

In der Hüttenstraße stehen Menschen in Mänteln und Uniformen. Ein Gerüst aus Holz zeichnet sich gegen den Himmel ab. Niemand spricht laut. Niemand muss fragen, was hier geschehen wird.

Elf Menschen werden an diesem Morgen öffentlich gehängt. Zwangsarbeiter aus dem Osten.

Die Stadt sieht zu. Manche aus Zwang, manche aus Angst, manche, weil sie gelernt haben, nicht wegzusehen.

Dann zieht der Nebel wieder über die Straße.

Hier endet die Nacht. Und für zwei von ihnen beginnt ein neues Leben.

Erst als der Dom längst hinter ihnen liegt, sagt Schäng: „Und was hast du jetzt vor zu tun, Alicia?"

Alicia sieht lange zurück in Richtung Dom, als müsste sie erst nachrechnen.

„Das weiß ich noch nicht, Onkel Samuel."

Eine Stunde entfernt, Richtung Westen. Das Mädchen mit dem Stern sitzt in einem verborgenen Bunker unter dem Aachener Dom, mit ein paar Jungen in ihrem Alter, und sie scheinen sich gut zu verstehen. Kinder, die lachen und spielen.

Viele Jahre später wird man sie als Ravenna kennen.
Samuel Gruber
Samuel GruberSchäng

Leopold Gruber nimmt ihn mit. Den Namen, den er niemandem sagte, trägt er von jetzt an.

Alicia Voss
Alicia VossSpatz

Die Narbe von Carls Schnitt bleibt. Was sie jetzt vorhat, weiß sie noch nicht.

Ravenna
RavennaEsther

Das Mädchen mit dem Stern. Unter dem Aachener Dom beginnt ihr neues Leben.

Köln am Martinsabend 1452, der halbe Dom im Nebel
Season III · Intro II · Köln, 10. November 1452

Die Martinsnacht

Vier, die in keiner Chronik stehen. Eine Warnung, ein Archiv, eine Flucht durch die Stadt der Laternen.

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„Wer das Kind nennt, muss auch den Vater nennen."Bruder Anselm von Colonia, 1450
Melaten im Morgengrauen, 1396
Vorgeschichte

Sechsundfünfzig Jahre zuvor

Köln, 14. und 15. September 1396

Es ist die Nacht, in der die Zünfte ihren Verbundbrief besiegeln, und Köln feiert bis in den Morgen. Unter der Feier wird ein ganzes Haus ausgelöscht. Gerhard von Berg, Ventrue und Domherr, hat den Dominikanern des Predigerklosters verraten, wo die Brujah ruhen. Die Inquisitoren kommen mit Fackeln. Lucius' sieben Kinder, die man die Tugendkinder nennt, und alle, die sie selbst erschaffen haben, verbrennen in ihren Verstecken.

Im Morgengrauen fährt ein Wagen hinaus nach Melaten. Ulrich der Schwarze sitzt auf dem Bock, hinten sitzt Lucius, der alte Prinz von Köln. Vor dem Siechenhaus warten ein Pfahl und Reisig. Als die Sonne aufgeht, hat die Stadt keinen Prinzen mehr.

In derselben Nacht setzen sechs Häuser ihre Siegel unter Gerhards Stiftung. Gerhard wird Prinz und lässt die Chroniken umschreiben. Lucius' Name fällt nicht mehr.

Einer hat trotzdem alles aufgeschrieben: Bruder Anselm, Nosferatu und Archivar, am Ende von Gerhards Tisch. Er hat gesehen, wie ein ganzes Haus verschwand und wie leicht es ging. Fünfundzwanzig Jahre später, 1421, gründet er einen kleinen Kreis, der verhindern soll, dass so etwas noch einmal geschieht: die Custodes Ordinis, die Wächter der Ordnung. Sie dienen keinem Prinzen und keinem Clan, nur der Stadt.

„Custos Ordinis sum. Ich halte, was geteilt ist. Ich bewache, was vergessen wird. Ich verteidige die Stadt, auch wenn sie mich nicht kennt."

Vier, die Anselm Treue geschworen haben

Matthias der Stille
Matthias der StilleHecata · Totengräber von Melaten

Spricht so wenig, dass manche glauben, er könne es nicht. Hat 1396 die Asche zusammengekehrt, die keiner wollte.

Cosmas von Damiette
Cosmas von DamietteToreador aus Outremer · Farbenhändler

Handelt mit Ultramarin, dem teuersten Blau der Welt. Ritt 1396 mit einem Brief nach Frankfurt, und als er zurückkam, waren seine Freunde Asche.

Hedwig von Soest
Hedwig von SoestTremere · Kopistin der Bibliotheca Hermetica

Die schönste Hand der Stadt. Hat gesehen, wie Lucius fiel, und auf Geheiß ihres Meisters geschwiegen.

Magdalena
MagdalenaMalkavianerin · Isoldes Botin

Trägt seit Jahrzehnten Isoldes Lieder zu Anselm. Die Einzige, vor der Isolde nicht die Närrin spielt.

Isolde singt
I

Vier Orte und ein Lied

Martinsabend 1452 · nach Sonnenuntergang

Köln riecht an diesem Abend nach Gänsefett und nassem Laub. Morgen ist Zinstag, die Metzger schlachten, und wer es sich leisten kann, isst heute Gans. Kinder ziehen mit ausgehöhlten Rüben durch die Gassen und singen für den heiligen Mann, der seinen Mantel teilte. Die Stadttore sind längst geschlossen. Über der Stadt steht der halbe Dom, wie seit hundert Jahren.

Die vier sind an diesem Abend nicht beieinander.

Matthias steht zwischen den Gräbern von Melaten. Nebel tropft von den Holzkreuzen, aus dem Siechenhaus kommt Husten. Am Friedhofstor wartet ein Reiter aus Aachen, der Saum seines Mantels schwarz vom Schlamm. Er ist zum dritten Mal hier, und diesmal steigt er nicht ab.

Hedwig sitzt in der Bibliotheca Hermetica neben dem Minoritenkloster, wo die Bücher an Ketten hängen. Ihr Meister Konradus von Marburg kommt herein, noch im Mantel, mit nassen Schultern, und gibt ihr Aufträge für den Besuch bei Anselm mit. Wo er vorhin war, sagt er nicht.

Cosmas sitzt im Gürzenich beim Martinsmahl der Patrizier. Ihm gegenüber sitzt Ulrich von Berg, ganz in Schwarz, und hebt einen Becher, aus dem er nicht trinkt. „Auf die Farben, Cosmas. Auf das Blau." Dann steht er auf. „Die Wege nach Frankfurt sind ja lang, nicht wahr? Manchmal ist man froh, wenn man auf einem ist."

Magdalena sitzt in der Kammer hinter der Küche am Waidmarkt und schnitzt Isolde eine Rübenlaterne. Dann steht Elias in der Tür und sieht nur seine Mutter an. Er will sie noch heute Nacht aus der Stadt bringen. Isolde lacht, viel zu laut.

Isolde von Kleve
Isolde von KleveDie Närrin · Malkavianerin · Waidmarkt

Sie war am Abend bei Gerhard. Was er wollte? „Gans. Er hatte Gans."

Dann hören alle vier es, nicht mit den Ohren. Es ist, als sänge jemand in ihrem Blut, eine Frauenstimme, heiser vom vielen Lachen, viel zu nah. Um sie herum hebt niemand den Kopf. Das Lied bricht mitten im Atemzug ab, und es bleibt ein einziger Satz, ganz nüchtern, in Isoldes eigener Stimme:

„Geht zum Feuer."

Magdalena sieht zu Isolde hinauf. Ihre Augen sind offen. Ihr Mund ist die ganze Zeit geschlossen gewesen.

Das Martinsfeuer auf dem Alter Markt
II

Die Warnung

Martinsfeuer auf dem Alter Markt · kurz nach neun

Das Feuer auf dem Alter Markt ist so hoch wie ein Haus. Funken steigen in den Nebel, Kinder kreischen, irgendwer singt falsch. Hier treffen sich die Custodes in der Menge, ohne aufzufallen, und ein paar Schritte daneben liegt der Einstieg zu Anselms Kanal.

Magdalena kommt durch die Menge, als würde sie geschoben, in Isoldes Mantel, zu groß und zu rot. Sie bringt die Nachricht: Gerhard hat am Abend mit drei Ältesten die Blutjagd auf Anselm beschlossen. Ab Mitternacht darf ihn jeder töten.

Anselms Skriptorium
III

Das Skriptorium

Anselms Kammer unter dem Markt · halb zehn

Bruder Anselm schreibt, als sie hereinkommen, und er hört nicht auf zu schreiben, als sie es ihm sagen. Erst als sie fertig sind, legt er die Feder hin. Unter der Kapuze sieht man nur das Kinn, grau und geädert, und die Finger, schwarz von Tinte bis zum zweiten Glied.

„Dreihundert Jahre. Alles, was in dieser Stadt geschah und nicht geschehen sein darf. Ich gehe nicht ohne sie. Und ich gehe. Gerhard will nur mich. Euch kennt er nicht, und damit das so bleibt, muss ich fliehen."

Zwei Dinge bestimmt er selbst: ein Bündel Rollen in gewachstem Leinen und einen kleinen Stempel mit Kreuz und Spirale, das Siegel der Custodes. Die Rollen legt er Matthias in die Arme. „Das geht nach Melaten. Unter deine Toten, Matthias. Da hat noch nie jemand gesucht. Das ist für die nach euch."

Die Wände sind voll, Band an Band. Zehn Bündel zieht Anselm auf den Tisch, jedes ein Armvoll. „Jeder trägt eines. Mehr schafft ihr nicht über die Mauer. Was hier bleibt, brennt. Wählt."

MatthiasDie Schriftrollen

Soromils sieben Zeichen und Anselms Nachtrag. Dazu trägt er den Band über das Jahr 1396.

HedwigDie Sternentafel

Anselms Aufzeichnungen über den Weg unter St. Andreas.

MagdalenaDie Lieder der Närrin

Fünfzig Jahre von Isoldes Visionen, Wort für Wort.

CosmasDas Register

Wer in Köln wen erschaffen hat, seit 1100.

Der Rest bleibt auf dem Tisch: Zinsbücher, Briefe, Predigten, ein Kräuterbuch. Dreihundert Jahre, die keiner mehr lesen wird.

Dann kommt ein Pfeil den Kanal herauf, ein Klumpen Pech am Schaft, der im Flug faucht. Er schlägt in Anselms Pult. Seine Blätter über Soromil fangen sofort Feuer, rollen sich ein und werden schwarz. Die Abschrift darunter brennt von der Mitte her, ein Loch, rund und rot gerandet, das sich nach außen frisst.

„Bruder Anselm. Es ist Zeit."

Die Stimme vom Ende des Kanals ist ruhig und ohne Eile.

Bruder Anselm
Bruder Anselm von ColoniaNosferatu · Archivar · Gründer der Custodes Ordinis

Schreibt seit dreihundert Jahren auf, was die anderen vergessen sollen.

Soromils Hammer
IV

Der Hammer

Groß St. Martin · Schmiede am Eisenmarkt

Am Ausstieg des Kanals, unter einem Gitter am Rand des Alter Markts, bleibt Anselm stehen. Über ihnen knackt das Martinsfeuer, Funken fallen durch die Stäbe. Er wickelt etwas aus Sackleinen, lang wie ein Unterarm, und das Feuerlicht fängt sich in Gold: ein Hammer aus purem Gold. Der Kopf trägt keine einzige Schlagspur. Zum Schmieden war er nie gemacht.

„Soromil hat ihn nie verschenkt. Als er ging, hat er ihn mir gelassen. In die Gruft gehört er nicht. Er gehört denen, die am meisten verloren haben."

Vor Groß St. Martin drängen sich die Menschen nach der Martinsmesse. Als der Hammer an der Kirchentür vorbeigetragen wird, schlagen die Glocken, alle zugleich, einmal, ohne dass jemand am Seil zieht. Die Kinder halten sich die Ohren zu und lachen. Der Priester sieht hinauf in den Turm.

Am Eisenmarkt brennt nur noch in einer Werkstatt Feuer, mit einem Brief vom Domkapitel, der die Büttel fernhält. Dort bleibt der Hammer, bei Grete Isenhart, der einzigen Brujah, die Köln noch hat.

Grete Isenhart
Grete IsenhartBrujah · Schmiedin am Eisenmarkt

„Wenn ihr von Gerhard kommt, die Gitter sind morgen fertig. Wenn nicht, macht die Tür zu."

Ulrich der Schwarze zwischen den Laternen
V

Die Stadt der Laternen

Die Gassen bis zum Ehrentor · vor Mitternacht

Die Gassen sind voller Kinder. Laternen aus Rüben, Laternen aus Pergament, Gesichter, die im Kerzenlicht grinsen. „Sankt Martin, Sankt Martin …" Zwischen ihnen gehen Männer in schwarzen Wämsern, die nicht singen.

Die Tore sind zu. Anselm kennt drei Wege hinaus: den Kanal nach Westen, in dem unten das Wasser steht, ein Gerüst an der Mauer bei St. Aposteln und das Ehrentor, an dem ein Wächter steht, der heute Martinswein hatte. Vor Mitternacht müssen sie draußen sein.

Kurz vor dem Ziel lehnt Ulrich der Schwarze an einer Hauswand, allein, als wäre er ein Teil des Schattens. Er sieht die Bündel an, dann die vier.

„Ihr tragt da etwas, das mein Vater sehen möchte. Das Register. Oder den Band über 1396. Ich bin nicht hier, um jemanden zu verbrennen. Gebt mir eines davon, und ich sehe eine Viertelstunde lang in die andere Richtung."

Ulrich bekommt den Band über das Jahr 1396. Er sieht weg.

Am Ehrentor steht der Wächter, und er hat mehr Martinswein gehabt, als ihm guttut. An ihm vorbei kommen alle fünf aus der Stadt, hinaus in den Nebel über den Feldern.

Ulrich der Schwarze
Ulrich der SchwarzeUlrich von Berg · Gerhards Sheriff

Ganz in Schwarz und müde. Er hat 1396 den Wagen nach Melaten gefahren.

Die Gruft unter Melaten
VI

Melaten

Vor den Mauern · nach Mitternacht

Melaten liegt im Nebel. Die Kapelle, das Siechenhaus, dahinter die Gräber, schief und namenlos. Ein Galgen, an dem nichts hängt. Matthias geht voran, ohne Licht. Er braucht keines.

Unter einem Grabhaus führen Stufen hinab, und unten ist ein Raum, so klein, dass sie nicht alle gleichzeitig hineinpassen. Ein Altar aus Stein, sonst nichts. Anselm stellt sein Bündel ab, setzt sich auf die Stufen und atmet aus, obwohl er es nicht muss.

„Hier sucht keiner. Hier liegen nur die, die keiner haben wollte. Hier hat es angefangen, mit Lucius. Hier soll es liegen, bis jemand kommt, der es besser macht."

Auf den Altar kommt die Bronzeurne aus dem Siechenhaus. In ihr liegt die Asche von Lucius. Hedwig ritzt die sieben Zeichen in die Bronze: Spiegel, Kelch, Pokal, Schlüssel, Münze, Hammer, Astrolabium. Um die Urne legen sie die Schriftrollen und drücken das Siegel mit Kreuz und Spirale ins Wachs. Cosmas schlägt die Inschrift in den Stein:

Domus una, septem virtutes; sex domūs, sex peccata.Ein Haus, sieben Tugenden; sechs Häuser, sechs Sünden.

Vor dem Morgen ist es fertig. Dann geht Anselm.

Gerhard im Domherrenhof
Epilog

Am Morgen

Domherrenhof · 11. November 1452

Im Domherrenhof brennt noch Licht. Über Deutz wird der Himmel grau, in einer Stunde geht die Sonne auf. Gerhard von Berg sitzt an einem langen Tisch, vor ihm ein leeres Blatt. Er hat das Lächeln, das er immer hat, und es erreicht seine Augen nicht.

„Drei. Drei wussten es."

Er nimmt die Feder und schreibt einen Namen. Es ist nicht Anselms.

Gerhard von Berg
Gerhard von BergVentrue · Domherr · Prinz von Köln seit 1396

Hat die Chroniken umschreiben lassen. Den Namen des Prinzen vor ihm spricht niemand mehr aus.

Die Pfalzkapelle in Aachen
Sechs Wochen später

Aachen, Heiligabend

Pfalzkapelle · 24. Dezember 1452

Die Pfalzkapelle ist leer. Unter dem großen Radleuchter brennen nur ein paar Kerzen, und das Gold in der Kuppel liegt im Dunkeln. Oben auf der Empore, auf der Stufe unter dem steinernen Thron, sitzt Konrad von Koblenz. Er sitzt oft hier, seit fünfundfünfzig Jahren.

Er hat Isolde immer gespürt, so wie man ein Feuer im Nebenzimmer spürt. In dieser Nacht spürt er, wie jemand sie trinkt. Langsam. Bis zum Ende. Dann ist da nichts mehr.

Der erste Laut, den Konrad von sich gibt, ist kein Wort. Das Chorgestühl zerbricht unter seinen Händen wie Reisig, der große Leuchter beginnt zu schwingen, und die Kerzen darauf verlöschen eine nach der anderen. Als nichts mehr zu zerbrechen ist, steht er still und sieht hinauf zum Thron.

„Rache."

Niemand antwortet. Über Aachen beginnen die Glocken zur Christmette zu läuten.

Zwei Tagesritte entfernt, in Köln, sitzt ein Malkavianer allein in einer Kammer hinter einer Küche. Er heißt Elias. Er hat geweint, und er hat aufgehört. Und zum ersten Mal in seinem Leben hört er ein Lied.

Konrad von Koblenz
Konrad von KoblenzSabbat · Aachen

Hat 1396 nicht unterschrieben, die Stadt verlassen und steht seitdem in keinem Kölner Buch.

Die Black Dogs auf dem Melatenfriedhof
Fast sechshundert Jahre später

Die Gruft unter Melaten

Melatenfriedhof · Oktober 2025

Unter den knorrigen Bäumen des Melatenfriedhofs steht die Grabpyramide der Familie Batteux, mit eisernem Tor und Reliefs. Hinter der schweren Gusseisentür führt ein schmaler Gang aus feuchtem Kalkstein hinab. Die Luft wird kälter und riecht nach altem Eisen und Asche.

Am Ende des Ganges liegt ein Raum, kaum größer als eine Zelle. Darin steht ein steinerner Altar und auf ihm eine Bronzeurne mit sieben Zeichen. Um die Urne liegen Schriftrollen in gewachstem Leinen, versiegelt mit einem Kreuz, um das sich eine Spirale windet. An der Wand steht die Inschrift, kaum noch lesbar. Daneben hängen eine Kamera und ein totes Terminal mit dem Schild MELATEN-ANS 1.

Milo hatte die Gruppe dorthin geschickt, nach der Begegnung mit Ravenna und den Black Dogs. In den Rollen fand sie Anselms Schrift von 1256 über die sieben Zeichen der Tugenden und seinen Nachtrag über die Gaben an die Clans. Dazu kam Gerhards Urteil vom 17. November 1453: die Blutjagd auf Bruder Anselm, ausgerufen in allen Territorien der Rheinlande, weil er einen Kult namens „Custodes Ordinis“ gegründet habe.

Wer die Zeichen in die Urne geritzt und wer die Inschrift in den Stein geschlagen hatte, wusste damals niemand. Und auch nicht, wessen Asche in der Urne liegt.

Season I — Die Gruft unter dem Melatenfriedhof →

„Hier soll es liegen, bis jemand kommt, der es besser macht."Bruder Anselm, Melaten, 1452
Colonia Aeterna · Season III · Domina Alba