Eine Nachricht von Petra, kurz und ohne Zierde:
„Roth ist auf dem Weg zur Gruft der Familie Batteux. Kaspar hat einen Weg gefunden, ihn zu zwingen zu kommen."
Fünf Minuten später taucht der Link auf. Nicht in den großen Kanälen, nicht auf den Nachrichtenseiten — sondern auf YouTube. Ein kleiner Kanal, kaum Abonnenten, verwackeltes Handyvideo, hochgeladen vor acht Minuten. Titel: „Der Typ aus dem Gürzenich Video versteckt sich in Porz!!! Polizei macht nix!!!"
Das Vorschaubild ist dunkel und grobkörnig: Bahnschienen, überwuchertes Gelände, eine Betonwand mit Graffiti — und eine Gestalt im Hintergrund. Nur ein paar Sekunden lang. Dunkler Mantel. Blasses Gesicht. Die Körperhaltung zu ruhig für einen Obdachlosen, zu aufrecht für einen Betrunkenen.
„Alter, ich schwör, das ist der Typ. Das ist der aus dem Video. Das ist dieser Roth oder wie der heißt. Der ist hier hinten auf dem alten Bahngelände in Porz. Ich hab den schon vor 'ner Stunde gesehen. Der ist da immer noch drin."
„Ich bin nicht näher ran. Auf keinen Fall. Der hat mich angeschaut. Nicht so normal angeschaut. Der wusste, dass ich filme."
Kurz darauf ein Foto in einem kleinen Telegram-Kanal, zu dem die Gruppe irgendwann hinzugefügt worden ist. Unscharf, körnig, aus der Entfernung. Porz, am Rand des alten Bahngeländes. Dort, wo sie gegen die Shovelheads gekämpft haben.
Und während alle noch auf denselben Bildausschnitt starren, vibriert Élises Telefon.
Sebastian Krüger & Élise
MO 10.11. · 03:10 · „Definieren Sie ausreichend."
„Élise. Wir sind auf dem Weg nach Porz."
„Wer ist wir?" — „Henriette, ich und ausreichend Begleitung."
„Definieren Sie ausreichend." — „Zehn Ghoule. Drei Fahrzeuge. Roth ist dort gesehen worden, vor sehr kurzer Zeit."
„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll." — „Henriette ist der Meinung, sie könne mit ihm reden."
„Henriette? Was macht sie in Köln?"
MO 10.11. · 03:25. Porz wirkt um diese Uhrzeit wie ein ausgefranster Rand der Stadt. Die Straßen feucht, Laternen auf Asphalt gespiegelt, irgendwo rauscht Verkehr — aber hier am alten Bahngelände klingt alles gedämpft, als läge eine dicke Schicht Staub über der Nacht.
Am Zaun stehen Menschen mit Handys. „Da hinten war er. Genau da. Im Eingang." Ein anderer lacht zu laut: „Bruder, wenn der rauskommt, renn ich." Aber er rennt nicht. Niemand rennt. Alle filmen.
Hinter einem aufgebogenen Zaunstück: nasser Schotter, alte Schienenreste, Buschwerk, eine Betonrampe. Fünfzig Meter weiter hinten steht das Gebäude aus dem Video, flach und dunkel, mit einem offenen Eingang wie einem schwarzen Mund. Die Stelle erkennt jeder sofort. Das Video war hier. Roth war hier.
Und am Telefon versucht Élise das Einzige, was ihr noch bleibt.
Élise & Henriette von Kahl
„Sie betreten dieses Gebäude nicht."
„Henriette, hören Sie mir jetzt sehr genau zu. Sie betreten dieses Gebäude nicht."
Am anderen Ende knirscht Schotter. Schritte. Eine Fahrzeugtür fällt zu. Regen auf Blech. „Wir können ihn hören."
„Was hören Sie?"
Rauschen. Regen. Funkknacken. Dann, dumpf aus dem Inneren, Roths Stimme: „Das Passwort. Nicht Ihr persönliches. Das interessiert mich nicht." Ein menschliches Wimmern. Ein dumpfer Schlag.
„Er hat jemanden dort drin."
Wieder Roth, weiter entfernt, schneidend ruhig: „Der Verwaltungszugang. Gebäudemanagement. Sicherheitsfreigaben. Kameras. Zutrittsprotokolle. Die Notfallkennung." Wieder ein Schlag.
Élise wird scharf: „Das ist eine Falle. Gehen Sie dort besser nicht rein."
Henriette: „Ich muss. Prinz Ansgar sagte zwei Worte — vierte Tradition. Und er klang nicht, als ob das eine Option wäre."