FR 31.10. · 18:10. Hans steht im Triangle, das Tablet in der Hand. Der Tag hat eine Form angenommen, die niemand so recht greifen will: Köln wacht zu Schlagzeilen über St. Andreas auf.
„Pfarrer von St. Andreas vermisst — Zusammenhang mit nächtlichem Einsatz unklar. Express, Stadtanzeiger und WDR Lokalzeit greifen die Sache parallel auf."
„Das LKA prüft ein mögliches Gewaltverbrechen. Petra Kühnert ist persönlich vor Ort. Die Spurensicherung deutet auf mehrere Personen am Tatort. Der Vorfall wird intern nicht mehr als isoliertes Ereignis betrachtet."
„Die Renovierungsarbeiten stehen still. Die Mitarbeiter der Kowalski BBS GmbH sind nicht erschienen — weder erreichbar noch auffindbar. Bauleiter Habernickel wurde freigestellt. Greitemann vom Dezernat 6 übernimmt die Koordination persönlich."
Dann legt Hans einen USB-Stick auf den Tisch. Ein Bote hat ihn für Amira abgegeben.
„Er wurde für Sie abgegeben, Amira. Ich habe mir erlaubt, ihn mir kurz anzusehen — die Person auf den Aufnahmen sieht Ihrem Bruder sehr ähnlich… finde ich."
FR 31.10. · 19:00. Die Tür des Fahrstuhls öffnet sich mit einem harten metallischen Schlag. Élise Garnier stürmt heraus — nicht langsam, nicht mit ihrer üblichen Eleganz. Hinter ihr Marc und Rosa Garnier. Sie geht ohne Gruß direkt auf die Gruppe zu. Klack. Klack. Klack.
Sie wirft einen Stapel Forbes-Ausdrucke auf den Tisch. „Rashid hat mir das gegeben — und vielleicht möchte mir jemand von euch erklären, was das soll."
Ein Bericht über die Al-Karim Capital Advisory und die Rheinische Urban Capital. Angebliche gemeinschaftliche Waffenlieferungen in den Iran. Dual-Use-Güter. Sanktionsverdacht. „Und wie durch ein Wunder tauchen genau diese Informationen jetzt bei Forbes auf — Informationen, die laut Rashid zuvor nur sehr, sehr wenige Personen gesehen haben könnten."
Eine Hand an die Schläfen. Ein kurzer Druck, der sofort wieder weicht. Dann der Bruch: „Ihr wisst von all dem hier gar nichts… Verzeiht. Aber wenn etwas in der Stadt passiert, so dachte ich, dass ihr die Zügel in der Hand habt. Ein unwürdiger Auftritt. Wir sehen uns morgen bei diesem Herrn Hunter."
FR 31.10. · 20:00. Der Raum wirkt unverändert und doch schleicht sich ein Gefühl ein, dass etwas nicht mehr ganz stimmt. Schatten reagieren verzögert. Selbst einfache Bewegungen fühlen sich kurz fremd an, als würden sie nicht ganz zur eigenen Kontrolle gehören.
Die Aufzugtür öffnet sich. In einem Film liefe jetzt Straight from Hell dazu. Hier ist es still. Jasmin tritt heraus — und niemand kann sich erklären, woher sie einen Schlüssel hat.
Die roten Flügel wirken für einen flüchtigen Moment größer, tiefer, als würden sie nicht ganz zur Realität gehören. Mit ihr kommt eine unterschwellige, nicht erklärbare Angst. Gefühle, die sich fremd anfühlen, als hätten sie ihren Ursprung nicht im eigenen Kopf.
Sie geht auf die Gruppe zu. Ein kurzes Zupfen an den Ketten — Asmodin und ein zweiter sinken auf die Knie. Sie zieht ein Handy aus ihrem Dekolleté, schaut kurz rein und gibt es JJ. „Da ist was für Dich drauf, sagte sie, bevor sie verschwand… neumodischer Tand."
„Asmodin." Eine Ohrfeige. „Sei ein braver Akolyth und frage die Herrschaften, ob sie Hunger haben." Er robbt auf Knien herum und hält jedem seinen nackten Arm hin.
„Das Kind hat das nicht ausgehalten. Sie wäre daran zerbrochen, was ihr gestern getan habt und welches Wissen um welches Gräuel ihr ihr auferlegt habt."
„Ich habe dafür gesorgt, dass es vorbei ist. Das, was ihr als sie kennt, war instabil. Widersprüchlich. Voller Angst, wirr, verdreht, verlogen und voller Monstrosität — nicht ich. Nicht Naameh. Nicht die Schwester der Lillith."
„Ich habe das beendet, und sie ist wie ein Spiegel daran zerbrochen. Ja. Aber sie wäre sowieso zerbrochen. Nur langsamer und mit viel mehr Tränen und Schmerz. Und ich weiß, dass ihr an euren Taten auch zerbrechen werdet. Aber ich kann euch helfen… ich sehe EUCH, Brüder und Schwestern."
„Ich sehe, was ihr sein könntet, wenn ihr akzeptiert, was ihr seid… gefallene Engel. Gebt euch nicht dem wahnsinnigen Versuch hin, die Realität zu verleugnen. Krieger des Blutes, Schwerter der Klarheit, Verteidiger des wahren Herzens von Köln — betet mich an, und euch soll nie mehr ein Leid widerfahren."
Irgendwo fängt eine Melodie an. Erst leise, dann lauter. „Niemals geht man so ganz… irgendwas von mir bleibt hier… es hat seinen Platz… immer bei Dir."
Naameh dreht sich um. Die Welt ist wieder die, die sie war. Triangle. Herr der eigenen Sinne. Sie schaut in die Ferne, ins Nichts — und dann auf die Gruppe. JJ fühlt die Fragen im Rauschen, bevor sie aus Naamehs Mund kommen:
„Wo ist mein Sohn und wo ist Konrad? Welches Jahr schreiben wir?"
Dann — wo auch immer sie hergekommen ist — schaut Jasmin plötzlich auf ihre Kleidung, auf die beiden Jungs, auf die Gruppe. „Hat sie jemandem weh getan? Hat sie mit euch gesprochen? Ich hoffe, ihr habt nicht zugehört… Es tut mir leid."
FR 31.10. · 20:00. Eine SMS von Katarina, schief getippt, dringend.
„Ey Jasmihn, kannst DU das an die Typen ins Triangle schikken? Ich hab keine Numer von denen mer. Is dringent… ich mus die bis 9 ereicht haben… Gunter meint ich sol das auf keinen Fall alleine angeen und er packt es nich. Also kanns dU dehnen sagen die sollen mich um 10 anner Vorgebirgsstr. 22 treffen?!?!? Danje, Kata"
FR 31.10. · 22:00. Vorgebirgsstraße. Die Luft draußen ist klarer als in der Stadt. Kälter. Ruhiger. Der Grüngürtel liegt dunkel zwischen den Straßen, nur vereinzelt schneiden Lichtkegel der Laternen durch das Grün. Katarina wartet bereits — es riecht nach feuchter Erde und Lehm.
„Den habe ich jetzt dreimal gesehen, und vorgestern bin ich ihm bis Melaten zurückgefolgt. Ich habe mit Rochus Sabbat gejagt — der roch echt extrem nach Sabbat. Ich habe da eine Nase für. Die Tattoos… und das ist jemand, der hier etwas tut, das nichts mit dem Offensichtlichen zu tun hat."
„Richtung Frechen, beim Straßenstrich am Eifeltor. Er fährt raus. Hält. Verschwindet für eine halbe Stunde, Stunde in einen der Wohnwagen und kommt wieder. Am 28ten, 29ten und am 30ten war er da. Immer ungefähr zur gleichen Zeit. Gegen 23 Uhr… also in knapp einer Stunde."
„Immer dieselbe Frau. Nicht besonders auffällig. Das Auffällige ist, dass sie genau wie er riecht. Nicht das Parfum. Versteht ihr nicht. Sie sehen sich aber auch irgendwie ähnlich. Wenn das ein Zufall wäre, hätte ich es ignoriert."
FR 31.10. · 23:00. Eifeltor. Er steigt aus. Groß, sehnig, Tattoos über Hals und Arme. Die Frau lehnt am Wohnwagen — Anfang zwanzig, zu wach für die Uhrzeit, zu müde für alles andere.
„Du schon wieder."
„Ja."
„Du bist strange. Die meisten sind einfach nur komisch… aber irgendwas an dir erinnert mich an was."
„Du solltest hier nicht stehen."
„Und du solltest nicht immer wieder kommen. Also… rein oder nicht?"
„Du kennst mich doch, oder? Und ich kenne dich irgendwo her, oder?" — „Nein." (Zu schnell.)
Er geht an ihr vorbei, bleibt an der Tür stehen. Die Hand am Griff. Zögert. „Du solltest hier weg." Dann dreht er sich um und geht zurück zu seinem Wagen.
„Es reicht. Branko hat euch nicht zu kümmern. Außer er erledigt das nicht… außer er ist eine Pussy."
„Philip… Branko. Tu, was du zu tun hast. Und beende diese unwürdige Farce."
Die Frau aus dem Wohnwagen starrt Branko an.
„Philip…? Was soll das? Warum sagst du nicht, dass du es bist? Ich habe dich gar nicht mehr erkannt mit all den Tattoos. Wie siehst du aus? Was ist mit dir passiert?"
Ein Kunde tritt aus einem anderen Wohnwagen, sieht zu viel, entscheidet sich sofort für das Gegenteil. Blick nach unten. Motor an. Weg. Jemand, der diese Nacht überlebt — was nicht für jeden hier zutreffen wird.
„Sag was. Sag mir, dass das nicht du bist, Philip."
Katarina, ein paar Meter hinter der Gruppe, leise: „Das kippt gleich."
Jemand spricht ihn an — nicht als Branko, sondern als Philip. Der Name fällt bewusst, gezielt, wie ein Schlüssel, der in ein Schloss gedrückt wird, von dem niemand sicher weiß, ob es noch existiert.
Brankos Blick löst sich von der Gruppe und geht zu Vanessa. Zum ersten Mal sieht er sie wirklich — nicht als Ziel, nicht als Aufgabe, sondern als Person. Es ist kein langer Moment, aber er ist echt, und genau das macht ihn gefährlich.
Vanessa erkennt es sofort. Ihre Haltung verändert sich. Ein vorsichtiger Schritt, als hätte sie plötzlich Hoffnung, als könnte sie ihn zurückholen.
„Philip…", sagt sie noch einmal. Leiser. Fast zärtlich. Seine Hand hebt sich. Langsam. Sie zittert.
Morrigan reagiert nicht mit Wut. Die Bewegung ist so schnell, dass sie kaum zu verfolgen ist — nur Präzision. Vanessas Körper verliert jede Spannung. Ein dumpfes Geräusch, als sie zusammensackt. Morrigan steht wieder dort, wo sie vorher stand.
Blut tropft auf den Kies. Leise. Gleichmäßig. Branko steht noch immer da — sein Blick ist leer geworden.
„So endet Zögern."
SA 01.11. · 18:00. Triangle. Wenig zu sagen, viel zu sortieren: Élises Ultimatum vom Vorabend, Hunters Angebot, Nayas Ansage, der Sabbat im Grüngürtel, Naameh durch Jasmin, der Stick mit Tobias. Drei Stunden bis zum Empfang in der Flora.
SA 01.11. · 21:00. Ein Mitarbeiter in schwarzem Anzug öffnet die Tür. Mäntel werden abgenommen. An der Garderobe steht eine junge Frau mit makelloser Haltung.
„Herr Hunter freut sich sehr über Ihr Erscheinen. Mein Name ist Savanna, ich bin eine Bedienstete von Herrn Hunter und stehe Ihnen, genau wie Robert, gerne mit Rat und Tat zur Seite."
„Er lässt außerdem höflich ausrichten, dass er den heutigen Abend als gesellschaftlichen Empfang versteht. Er wäre dankbar, wenn während der Veranstaltung auf den Einsatz von Fähigkeiten verzichtet würde."
Der Saal: Kristall, dunkles Holz, schwere Vorhänge. Gedämpftes Licht auf poliertem Parkett. Kleine Tischgruppen. Nischen. In einer großen seitlichen Nische sitzen zwei Frauen an einem Tisch. In der Mitte steht Hunter. Sebastian Krüger ist bereits anwesend. Und dann sind da die Malkavianer: Jasmin und Elisabeth.
Für einen Moment entsteht diese eigentümliche kainitische Stille. Hunter hebt den Blick, lächelt, breitet leicht die Arme aus.
„Ah. Da sind sie ja. Willkommen. Legt die Waffen ab, behaltet eure Würde, und lasst uns eine gute Zeit haben. Ich hatte nicht gedacht, dass tatsächlich jemand auftaucht… ich freu mich."
„Darf ich vorstellen… zwei Gäste." Sein Blick geht zur Nische. „Lisa. Tracy."
In der Nische bewegt sich Lisa — die Dunkelhaarige — auf den Tisch. Erst wirkt es, als würde sie einfach aufstehen. Dann steht sie auf dem Tisch. Ein paar Gläser klirren. Sie dreht sich einmal, fast tänzerisch, geht zwei Schritte über die Tischplatte, springt und landet weich auf dem Boden. Ihr Blick wandert von einem zum nächsten. Neugierig. Unverschämt direkt. Fast kindlich — wenn da nicht dieses Funkeln wäre.
„Hi. Ich bin Lisa. Und das ist Tracy. Und ihr seid?"
Ihre Zunge fährt langsam über ihre Lippen. Ein kaum merklicher Rest von Blut verschwindet.
Hunter beobachtet. Dann lacht er. „Sorry, ich vergesse manchmal meine Rolle als Gastgeber. Lisa und Tracy sind Teil eines alten Freundeskreises aus Amerika. Wir haben gemeinsam eine Phase durchlebt, die man rückblickend wohl am besten als… intensiv beschreibt. Sie haben sich entschieden, das alles für eine Weile hinter sich zu lassen und hierher zu kommen. Um mit mir eine gute Zeit zu haben."
Lisa grinst breit. „Oh ja, wir werden eine großartige Zeit haben." Tracy hebt langsam ihr Glas, ohne aufzustehen. Im Hintergrund wird das Lachen am Tisch der Blood Dolls einen Hauch lauter.
Die Türen öffnen sich erneut. Zwei Gestalten treten ein. Grüner Parka, abgetragen, funktional — er geht, als hätte er das Recht dazu. Neben ihm, einen halben Schritt versetzt: barfuß, ruhig, wach. Sie gehen direkt auf die Gruppe zu.
Lisa, mit spielerisch funkelndem Blick: „Oh. Noch mehr Gäste."
Der Mann: „Du bist nicht von hier." — Lisa, lachend: „Du auch nicht."
„Ich bin nicht hier, weil ich Lust auf Gesellschaft habe. Kata hat etwas gefunden." — Katarina: „Melaten. Sabbat."
„Als ich das gehört habe… und wusste, dass hier heute Abend halb Köln zusammenkommt… bin ich davon ausgegangen, dass das hier entweder ein sehr guter Ort ist — oder ein sehr schlechter." Katarina, Blick zum Fenster: „Sie sind nicht weit. Und sie beobachten."
Lisa bewegt sich als Erste. Spielerisch. Ein halber Schritt nach vorne in Gunthers Nähe. Zu nah.
„Sabbat also. Und du kommst hier rein… mit nassen Stiefeln und großen Worten… und erwartest, dass alle aufspringen?"
Gunther, flach: „Ich erwarte, dass die, die hier stehen, verstehen, wann ein Spiel vorbei ist."
Lisa: „Oh, ich glaube, du verstehst nicht — für mich fängt es gerade erst an."
Katarina, minimaler Schritt: „Noch einen Schritt, und du triffst eine Entscheidung."
Tracy bewegt sich. Nicht schnell. Nicht auffällig. Aber sie steht jetzt. Das Glas ist verschwunden. Ihr Blick liegt auf Gunther. Berechnend. Jasmin beginnt leise zu lachen. Elisabeth ist angespannt wie ein Draht. Im Hintergrund verstummen die Blood Dolls langsam. Instinktiv.
Ein Glas wird abgestellt. Sebastian Krüger tritt vor. Nicht zwischen sie. „Das reicht." Keine Lautstärke. Und trotzdem trägt es durch den Raum. „Du lässt das jetzt. Und du beruhigst dich. Du weißt nicht, wo und mit wem du dich gerade anlegen möchtest. Nicht heute."
Etwas in Gunthers Haltung löst sich. Er tritt einen halben Schritt zurück. „Dann nicht heute." Lisa lächelt breit. Spiegelt ihn. „Dann nicht heute." Tracy setzt sich wieder, schüttelt fast unmerklich, leicht amüsiert den Kopf.
Hunter hebt erneut sein Glas. „Sehen Sie… genau deshalb liebe ich diese Stadt. So viel Temperament. Und gerade genug Kontrolle."
Etwas abseits: Hunter, ein Glas in der Hand. Neben ihm Sebastian Krüger und leicht versetzt Rashid al-Karim aus Düsseldorf.
Hunter: „Länger nicht gesehen… Sie hier in Köln?" — Krüger: „In welcher Funktion sind Sie denn in Köln, und warum die Einladung?"
„Ich war der Meinung, Sie hätten sich aus der Politik des Clans zurückgezogen." — „Zurückgezogen? Nein. Ich habe aufgehört, um Erlaubnis zu bitten."
„Haben Sie es verlassen… oder wurden gebeten zu gehen?" — „Ich habe eine Entscheidung getroffen." — „Nachdem Sie mehrere Domänen in eine Operation verwickelt haben, die zum Sturz zweier Prinzen geführt hat."
„Ich habe gezeigt, dass Städte als Domänen im klassischen Sinne zu klein gedacht sind. Die Camarilla denkt in Domänen. Der Clan denkt in Domänen. Ich denke in Systemen."
Krüger: „Köln war eine Camarilla-Domäne, und Köln wird unter meiner Führung auch wieder eine Camarilla-Domäne werden." — Hunter, lächelnd: „Richtig. Köln war eine Camarilla-Domäne. Sehen Sie sich um. Offen. Hedonistisch. Voller Energie. Keine erstickende Etikette. Keine Prinzen, die glauben, eine Stadt sei ihr persönlicher Thronsaal."
Krüger, trocken: „Sie beschreiben Anarchie. Das werden wir nicht dulden." — Hunter: „Vielleicht Anarchie. Vielleicht Balance. Und manchmal entsteht ein stabiles System genau dort, wo niemand versucht, es zu hundert Prozent zu kontrollieren."
Krüger: „Wenn Sie anfangen, uns im Weg zu stehen, wird der Clan und damit die Camarilla reagieren." — Hunter, sichtlich angefressen: „Wie beim letzten Mal, als sie Camarilla, Anarchen und freie Kainiten hingerichtet haben? Bei dem viele Freunde vernichtet wurden durch wildgewordene Archonten ohne jegliche Moral?"
Er hebt sein Glas. „Ja, sie wird reagieren. Mit Sicherheit. Die Frage ist nur — wer diesmal schneller ist."
Rashid, nickt: „Kommen Sie uns bitte nicht in die Quere. In Ihrem eigenen Interesse. Köln wird eine Camarilla-Domäne."
Hunter dreht sich langsam um, schaut auf den Dom, lächelt: „Nun denn… die Spiele mögen beginnen." Alle drei nicken.
Der Empfang läuft bereits, als sich die Außentüren erneut öffnen. Gespräche dämpfen sich für einen Moment.
Élise Garnier tritt zuerst ein, gefolgt von Rosa Garnier und Marc Garnier. Vier Ghoule. Versetzt: Amélie Fontaine. Hunter bemerkt die Gruppe und beginnt auf akzentfreiem Französisch, das für Kenner der Sprache ungelenk klingt:
„Madame Garnier… wie schön, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Meine Anteilnahme zu eurem Verlust." — „Auch wenn er noch sehr jung und unerfahren war, wird er uns fehlen. Vielen Dank."
Hunter, auf Englisch: „Darf ich vorstellen — zwei Freundinnen, deren Perspektiven ich in dieser Stadt für… bereichernd halte."
„Lisa Dark, Neugeborene vom Clan Toreador. Auch wenn ich ihn nicht kannte, ist es immer ein großer Verlust, wenn ein bedeutender Künstler von uns genommen wird." Ein schwer interpretierbares Lächeln, ein angedeuteter Knicks.
„Eine Freude. Tracy Chapman. Ich bin noch nicht lange in dieser Form — ein paar Jahrzehnte vielleicht. Bis zu meiner Wandlung war ich Journalistin. Eine faszinierende Zeit. Man traf interessante Persönlichkeiten… auch nach der Wandlung. Al Capone zum Beispiel war überraschend gesprächig, wenn man die richtigen Fragen stellte. Es geht nichts über gute Freunde."
Keine offene Reaktion — aber die Luft verändert sich. Rosa mustert Tracy jetzt genauer. Marc bleibt unbewegt, aber sein Blick ist schärfer geworden. Élise lächelt. Perfekt dosiert.
„Wie außergewöhnlich. Es ist immer erfrischend, wenn jemand Geschichte aus erster Hand mitbringt. Ach — aber das werden Sie ja sicherlich wissen: Élise Garnier, Ancilla vom Clan der Rose, Kind des Prinzen von Düsseldorf und erste Stimme der Kunst in Köln. Das sind meine Kinder Rosa und Marc. Waren Sie evtl. für Forbes tätig, Liebes?"
Lisa Darks Lächeln wird breiter. Tracy: „Nein, bedauere — ich war keine Angestellte bei Forbes."
Fünf Toreador stehen sich gegenüber und plaudern, für Außenstehende ruhig und freundlich, in inniger Clansfreundschaft verbunden. Für Eingeweihte ist klar: hier wird kein Verhältnis aufgebaut. Hier wird ein Krieg vorbereitet.
Die Türen öffnen sich erneut — diesmal weiter und lauter. Die Gespräche im Raum verlieren an Tiefe, werden flacher, vorsichtiger. Blicke wandern. Bleiben hängen.
Vorne: Adrian Morgenstern — ruhig, klar, ohne Hast. Neben ihm: Alicia Voss — die Spannung unter der Oberfläche jederzeit bereit. Dann folgen: Elisabeth von Falkenau, Naya, Bran Eisenfaust, Marta Nowak. Und Silvia D'Aramont in Schwarz.
Die Gruppe verteilt sich nicht. Sie bleiben zusammen stehen. Ein Block. Ein Statement.
„Wir machen das kurz. Die Stadt ist seit Wochen ohne wirkliche Führung. Und jeder hier im Raum weiß das — und dass sich die vier hier wirklich kümmern, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen."
Ein paar Blicke gehen in Richtung der Gruppe.
„Und während hier verhandelt, beobachtet und abgewartet wird, passiert draußen längst etwas anderes. Das endet heute. Wir rufen einen Rat ein. Nicht irgendwann. Nicht, wenn es jemandem passt. Jetzt."
Blick auf Elisabeth. „Elisabeth wird Teil dieses Rates sein. Und wir erwarten, dass andere, die hier Anspruch erheben, sich ebenfalls festlegen."
„Ihr könnt das gemeinsam strukturieren. Oder ihr schaut zu, wie sich die Stadt ohne euch ordnet."
Stille. Nur das klare Gefühl, dass sich gerade etwas verschoben hat. Die Anarchen bleiben stehen. Und warten. Und Hunter beginnt zu grinsen.
„Dies hier wird kein Schlachtfeld, und wir wollen hier heute nichts über das Knie brechen. Auch wenn nicht alle es hier mit den Traditionen halten — bitte nehmen Sie zur Kenntnis: das hier ist aktuell meine Domäne. Respektieren Sie das."
Sein Blick wandert durch den Raum. Er sieht alle. Ein kaum merkliches Lächeln. „Das ist… besser als erwartet."
Ein Blick zu Adrian. Ein respektvolles Nicken. „Frankfurt. Düsseldorf. Ruhrgebiet…" Pause. „Und Köln."
„Ich habe lange darüber nachgedacht, warum Städte scheitern. Nicht wegen Konflikten. Sondern weil es einfach zu wenige davon gibt. Eine Stadt wie diese… braucht Spannung." Blick zu Frankfurt. „Druck." Blick zum Ruhrgebiet. „Politische Finesse." Blick zu Düsseldorf. „Toleranz." Blick zurück zur Gruppe.
„Diese Stadt braucht keinen Prinzen und keinen Rat, keinen, der sich über andere erhebt. Dieses System wird sich selbst stabilisieren. Aber was immer ihr auch gedenkt aus diesem Abend zu machen — ich werde verhindern, dass dies ein offener Krieg wird und wir uns schaden, wo der offensichtliche Feind unserer zivilisierten Art in der Stadt sein Unwesen treibt."
Trotz allem herrscht Unruhe im Raum. Es wird laut. Widerspruch. Lauter werdende Diskussion.
Wo immer sie auch hergekommen ist, Jasmin bewegt sich nicht. Doch in ihrem Blick liegt etwas, das nicht mehr ganz im Hier und Jetzt verankert ist. Für einen Moment wirkt es, als würde sie nicht die Menschen im Raum betrachten, sondern das Muster dahinter.
Dr. Rottmann lacht plötzlich leise auf — er habe gerade realisiert, dass sie hier stehen wie Manager in einer völlig überteuerten Verhandlung, bei der niemand mehr genau weiß, worum es geht. Alena hebt ihr Glas: bemerkenswert, dass bisher niemand jemanden angegriffen habe — nach den Vorkommnissen der letzten Nächte eine statistisch relevante Verbesserung. Elisabeth klatscht langsam: die Maskerade sei offenbar noch intakt, niemand brenne und niemand schreie, man könne den Abend als Erfolg verbuchen, bevor jemand auf die Idee komme, ihn zu ruinieren.
Erst jetzt hebt Jasmin ihr Glas.
„Stellen Sie sich doch einmal einen Moment vor, wie das hier von außen wirken muss. Ein Raum voller Untoter… die sich benehmen wie beleidigte Aristokraten. Und alle streiten um Dinge, die sie gleichzeitig brauchen — ohne sie gegen die zu wenden, die das zerstören wollen."
„Es ist immer wieder erstaunlich, wie häufig Städte an falschen Feindbildern zerbrechen."
Und es scheint, als würde sich die Stimmung im Raum etwas aufhellen.
Élise steht ruhig, das Glas in der Hand, der Blick leicht gesenkt. Man sieht, dass sie zuhört. Wirklich zuhört. Dann hebt sie langsam den Kopf.
„Es ist selten… dass jemand es schafft, eine Eskalation zu entschärfen, ohne dabei an Autorität zu verlieren, Küken." Blick kurz zu Jasmin. Dann zu Hunter. Dann — ganz bewusst — in den Raum. „Das war… bemerkenswert."
Ein Schritt nach vorne. „Vielleicht ist das der Punkt, den viele übersehen. Stabilität entsteht nicht dadurch, dass niemand handeln will." Blick streift das Ruhrgebiet. „Sondern dadurch, dass jeder genau weiß, wann er es besser lässt."
Während Jasmin die Spannung zerlegt und Düsseldorf das elegant aufgreift, bleibt Krüger einfach stehen. Kein Schritt. Kein Kommentar. Nur dieser kurze Moment, in dem man sieht, dass er rechnet. Er ist angefressen.
„Interessant. Man könnte fast glauben, wir sind hier, um uns gegenseitig zu unterhalten." Sein Blick geht durch den Raum, bleibt kurz bei Frankfurt hängen, dann bei der Gruppe.
„Ich komme aus einer Gegend, in der Dinge einfacher sind. Wenn jemand ein Problem ist, wird es gelöst. Das heißt nicht, dass ich nicht verstehe, was hier gerade passiert. Im Gegenteil." Ein kurzes Nicken zu Jasmin. „Das hier ist klug. Sehr klug."
„Nur sollte man nicht vergessen, dass Gleichgewicht nur so lange funktioniert, wie alle Seiten glauben, dass es sich für sie lohnt."
„Ihr habt die Stadt vom Fluch befreit. Und ihr wolltet eine freie Stadt — ohne Prinz und Knute der Camarilla. Da bleibt nur ein Rat nach Frankfurter Vorbild, um die Ordnung zu gewährleisten."
„Es sieht so aus, als ob ihr über die nächsten Schritte dieser Stadt entscheidet."
SA 01.11. · 23:45. Adrians letzte Sätze liegen noch in der Luft.
Vor der Flora: Drei schwarze Wagen rollen heran. Lautlos. Die Türen öffnen sich fast gleichzeitig. Zuerst steigen drei Personen aus. Alle dunkel, perfekt geschnitten. Keine Eile. Sie wirken nicht wie Besucher — eher wie Menschen, die genau wissen, wohin sie gehen und warum.
Eine bleibt kurz stehen und mustert das Gebäude. Eine andere prüft die Umgebung. Die dritte öffnet schließlich die hintere Tür des ersten Wagens. Und erst jetzt steigt er aus. Als hätte er alle Zeit der Welt.
Der Stoff seines Anzugs wirkt beinahe schwarz im Licht der Straßenlampen. Handschuhe makellos. Er richtet kurz die Manschette, blickt zum Gebäude hinauf und lächelt leicht.
„Ah." Ein leiser, zufriedener Ton. „Köln." Er betrachtet die Flora einige Sekunden, als würde er ein Kunstwerk begutachten. „Ich hatte Schlimmeres erwartet."
Als sich die Türen oben öffnen, treten die vier Gestalten hinein. Drei zuerst, sie verteilen sich automatisch. Er selbst tritt als letzter heraus, hebt leicht die Hand und winkt allen zu, als würde er ein Publikum begrüßen.
„Bonsoir. Nicht ganz, nicht ganz, wage ich einzuwerfen." Sein Blick wandert durch den Raum. Er faltet langsam die Hände.
„Wirklich. Das ist… erstaunlich. Ich muss zugeben, ich hatte deutlich weniger Stil erwartet."
Er bewegt sich ruhig durch den Raum, als würde er eine Galerie besuchen. Élise ist verblüfft und beugt leicht das Haupt. Ein kurzes lautloses Schnippen von Rosa — alle Ghoule der Toreador sind komplett auf den Knien. Marc und Rosa in tiefer Ehrerbietung. Krüger senkt das Haupt. Rashid verbeugt sich tief. Elisabeth wirkt verängstigt und verbeugt sich auch. Lisa, Tracy, Jasmin, Hunter und die Frankfurter bleiben stehen — man kann erkennen, dass sie die Aura merken und dass die Reaktion der anderen Wirkung zeigt.
Er breitet leicht die Arme aus und dreht sich im Kreis: „Die neue Regierung von Köln? Wo ist sie? Wer ist sie?" Sein Lächeln wird ein wenig breiter. Schritte ruhig, fast elegant. Die Augen vollkommen leer.
„Wissen Sie… ich liebe Städte. Sie sind wie Gärten — deshalb finde ich die Flora als Treffen sehr passend. Und manchmal…" Das Lächeln kehrt zurück. „…wächst in Gärten sehr merkwürdiges Unkraut."
Er zieht langsam seine Handschuhe glatt. Seine Stimme wird wieder freundlicher. Fast warm. „Ich lasse Ihnen eine Wahl."
„Alles, was nicht der Camarilla und ihren ehernen Gesetzen die Treue hält, verlässt bis morgen Nacht die Stadt. Kinder gehen zurück zu ihren Erzeugern. Wir benennen einen Prinzen, ein Elysium und kümmern uns um die Verteilung der Aufgaben und Einflussgebiete — ganz wie es seit jeher Sitte ist."
Sein Lächeln wird fast liebevoll. „Oder… wir beginnen mit der Gartenarbeit und jäten etwas Unkraut."
Hunter schaut zu Bill und nickt ganz leise. Bill verschwindet durch eine Tür. Dann geht Hunter freundlich auf den Mann zu.
„Herzlich willkommen auf meinem Empfang. Wer waren Sie noch mal? Moment… ich meine mich erinnern zu können — Duval, richtig?"
„Ach, wissen Sie… Namen sind nur Schall und Rauch. Ich glaube, es sollte reichen, wenn Sie wissen, dass ich in offiziellem Auftrag von Lucinde hier bin, um für Recht und Ordnung zu sorgen."
Hunter tritt neben ihn. Duval reagiert erst nach einem kurzen Moment, dreht sich langsam zu ihm um.
„Mir wurde gesagt, Köln sei instabil. Mehrere Kinder, die unartig sind."
„Nein, Duval", antwortet Hunter schlicht.
Duval zieht leicht die Augenbrauen zusammen. „Und Sie sind?" — „Wie gesagt: der Gastgeber."
„Natürlich. Ventrue. Das ergibt Sinn. Derjenige, der Prinz sein möchte, anstelle eines Prinzenrates? Sie halten das hier zusammen? Wer sind denn die fünf bösen Kinder, die sich nicht benehmen können und nicht auf die Traditionen achten und ihrem Fürsten nicht gehorchen?"
„Ich denke, das ist hier nicht von Belang." Bill kommt in den Raum, ein Pistolengürtel umgebunden, mit Säbel, einen zweiten Säbel in der Hand — und stellt sich hinter Hunter.
Duval starrt ihn einen Moment an, lacht leise auf. Es ist kein freundliches Lachen. „Das ist Ihre Antwort?" Er geht einen halben Schritt näher. „Sie stehen hier mit mehreren Fraktionen, die sich nicht mögen, die sich vermutlich nicht einmal ansatzweise vertrauen — mit unartigen Kindern, die nicht wissen, wie man sich verhält — und Sie halten das alles für nicht von Belang und lassen sich eine Waffe bringen. Hat man Worte?"
„Ja."
Duval betrachtet ihn jetzt länger. Dann neigt er leicht den Kopf.
„Ich werde mir das ansehen", sagt er ruhig. „Sehr genau. Aber bitte machen Sie nie wieder den Fehler, mir sagen zu wollen, was von Belang ist und was nicht. Und drohen Sie mir nie wieder."
„Und jetzt noch einmal für alle: Wer übermorgen Nacht noch in Köln ist, ist ein treuer Diener der Camarilla und wird mir gerne Rede und Antwort stehen. Ich würde mich dann umgehend in den folgenden Tagen mit Ihnen in Verbindung setzen."
Und mit diesen Worten rauscht er aus der Tür.
SO 02.11. · 01:00. Die Flora leert sich langsam. Élise tritt zur Gruppe, in Begleitung ihrer Kinder.
„Köln ist wohl wieder sicher — anscheinend dank euch. Und ich befürchte, ich habe euch bei unserem ersten Treffen am Museum wohl falsch eingeschätzt." Ein feines Lächeln.
„Wir sind uns doch alle im Klaren darüber: Das hier ist kein Zustand. Das ist ein Übergang."
Angebot: „Ihr habt Aufmerksamkeit erzeugt, und ich kann dafür sorgen, dass daraus etwas wird, das Bestand hat. Ein Hof. Einfluss. Anerkennung."
Forderung: „Im Gegenzug möchte ich sicherstellen, dass Köln nicht wieder in… Unkultur verfällt, wie das bei meiner Vorgängerin Isabelle wohl der Fall war." Leichtes Anheben einer Augenbraue. „Ich entscheide nicht alles, was Kunst, Kultur und Kommunikation angeht — aber ich entscheide genug."
Die Gruppe stimmt zu.
„Gut." Ein kaum sichtbares Nicken. „Dann fangen wir an, diese Stadt sichtbar zu machen."
Was bleibt: Events. Ein Elysium. Wachsender Einfluss — aber nicht mehr nur ihrer.
Irgendwann in derselben Nacht. Fernab von Köln. Niemand aus dem Triangle weiß davon.
Paris. Blick auf den Eiffelturm. Die Seine darunter, schwarz und ruhig. Sie steht am Fenster und blickt hinaus auf die dunkle Stadt. Die Tür öffnet sich leise.
Ein Vampir tritt ein und bleibt in respektvoller Entfernung stehen.
„Madame."
Sie dreht den Kopf leicht, ohne sich ganz umzuwenden. „Neuigkeiten aus Köln?"
„Ja." Eine kurze Pause.
„Duval?"
Der Bote schüttelt den Kopf. „Nein, Madame."
Sie wendet sich jetzt langsam um. „Sondern?!"
Der Mann tritt einen Schritt näher und senkt leicht den Blick.
„Shrewsbury ist in der Stadt."
Ein kleines, kaum sichtbares Lächeln erscheint in ihrem Gesicht.
„Natürlich." Sie geht ein paar Schritte durch den Raum. „Wenn etwas derart Dramatisches passiert…" Sie blickt wieder aus dem Fenster. „…taucht Shrewsbury früher oder später wieder aus der Versenkung auf."
Der Bote, vorsichtig: „Es kam aber auch eine Nachricht von einer Anschrift, die wir ihm zuordnen konnten."
„Und wie lautete sie?"
„Madame, sie lautet einfach nur — Kein Atlanta 25."
Sie überlegt kurz. Denkt nach. Schüttelt dann mit dem Kopf.
„Ziehen Sie Duval ab."
„Antworten Sie bitte auf seine Depesche: Manchmal hat ein Prophet mehr Wert als ein Urteil. L."
Und sie schaut wieder aus dem Fenster auf den Eiffelturm und die Seine.