Claudias Geschichte
Sie sprach zuerst hart und präzise. Dann weichte ihre Stimme auf.
„Ich war in der Chantry, wie immer. Es war spät. Und dann — dieses Gefühl. Ich hab's nicht gesehen, ich hab's gespürt. Ich bin durch die Chantry und es war keiner mehr da. Nur ein junger Mann lag auf dem Boden — und ist in Sekunden von meinen Augen verfault."
„Herr Reimann hat mich gewarnt. Jahre vorher, fast beiläufig. ‚Wenn es eines Nachts still wird', hat er gesagt, ‚dann tust du genau, was ich dir jetzt sage.'"
Ein kurzer, angespannter Atemzug.
„Nimm ein paar Dinge. Nur diese bestimmten. Für Köln, hat er gesagt. Nicht für ihn. Nicht für das Haus. Für die Stadt."
„Dann sollte ich in Münster eine Nummer anrufen und sagen: Cor Coloniae siluit. Das Kölner Herz ist stumm."
Thomas Reimann — Kurator, Tremere, Jahrzehnte lang Hüter der okkulten Sammlung unter dem Wallraf-Richartz-Museum. Er wusste, dass dieser Tag kommen würde. Er hatte einen Plan. Und er hatte Claudia Metzger als seine Verlängerung in die Zeit nach seinem Tod eingesetzt — ohne ihr zu erklären, warum.
Die Nacht, nachdem sie angerufen hatte: Fünf Unbekannte, ein kahler Mann mit einem Metallstab unter seinem Mantel. Er sprach leise zu ihr: „Haus und Clan Tremere dankt Dir. Bitte steh nicht im Weg." Und dann packten sie alles ein. In drei bis vier Stunden. Als Claudia aufwachte, war die Sonne aufgegangen, und die Schränke und Vitrinen waren leer.
Das Astrolabium war nicht unter dem, was die Tremere holten — Claudia hatte es bereits anderswo verwahrt. Zusammen mit weiteren Dingen, die Thomas Reimann ihr aufgetragen hatte zu sichern, brachte sie es in das alte Elysium unter dem Museum. Nicht in die Schränke. In den Saal, der seit Jahrhunderten gesperrt war.