
Der Bunker
Die Sirene heult über den Dächern. Menschen strömen aus den Seitenstraßen zum Bunker. Spatz, Schäng und Sybille erreichen den Eingang fast gleichzeitig, aus verschiedenen Richtungen.
Schäng erkennt Spatz sofort. Er war mit ihrem Vater befreundet und kennt sie seit ihrer Kindheit. Auch Sybille erkennt Spatz wieder; sie war mit ihrer Mutter in der Schule befreundet. Und Schäng und Sybille sind sich darüber auch schon über den Weg gelaufen.
Am Bunkereingang staut sich die Menge. Ein Mann steht in der Tür und weist die Ankommenden weiter. Neben der Mauer wartet ein einzelnes Mädchen. Ihr Mantel ist abgetragen, an ihrer Brust sitzt ein gelber Stern. Sie hält ein kleines Bündel fest an sich gedrückt.
Esther sieht zur Tür, dann zum Bunkerwart. Sie fragt nicht, ob noch Platz ist. Sie weiß die Antwort schon.
Sybille kennt sie als das Mischlingskind von nebenan. Auch Esthers Vater ist ihr vertraut: der Mann, der ihr früher den Hof gemacht hat, als das Wort Jude nur ein Schimpfwort war und noch kein Urteil. In einer anderen Welt hätte Esther ihre Tochter sein können.
„Ich brauche keinen ganzen Platz. Nur bis der Alarm vorbei ist."
„Du weißt, dass du hier nichts zu suchen hast. Geh weiter."
Drinnen ist der Bunker überfüllt. Zwischen den Bänken riecht es nach nasser Wolle, Kohle und Angst. Jemand hustet in ein Taschentuch. Ein Kind zählt die Sekunden zwischen den Einschlägen.
Eine Frau mit Brille sitzt abseits und liest bei einer kleinen Lampe in einem Buch. Als Esther an ihr vorbeigeht, hebt sie für einen Moment den Blick. Sie sagt nichts, aber sie rückt ihre Tasche vom freien Platz neben sich.
Als die Entwarnung kommt, sind die Menschen erleichtert, aber niemand lächelt. Der Krieg hat nur aufgehört, genau hier einzuschlagen. Weiter hinten in der Straße ist ein Haus eingestürzt.








